11
В ответ на:http://www.geo.de/GEO/kultur_gesellschaft/geschichte/2003_01_GEO_bombenkrieg/page4.html?linkref=geode_statuszeile&SDSID=57388900000021065941551
In der wolkenlosen Nacht auf den 29. März 1942 werfen 234 Flugzeuge ein Drittel Spreng- und zwei Drittel Brandmunition ab. Der Angriff beginnt um 22.30 Uhr, zunächst sind nur wenige Brände zu sehen. Doch nach 20 Minuten frisst sich eine Flammenwand am Ufer des Flüsschens Trave entlang, bald fegen Feuerwellen durch mehr als 1500 Häuser, schließlich brennen 130 Kilometer Straßenfront. 320 Menschen sterben, so viele wie bei keinem britischen Angriff zuvor - ein "großartiger Erfolg", so das Bomber Command. Wenige Tage später brennt Rostock, dann greifen fast 1000 Bomber Köln an und zerstören 3300 Gebäude.
"
Nachts die Briten, tagsüber die Amerikaner
Es folgen 700 britische Bomber gegen Essen, dann Bremen. Anfang 1943 treten die USA in den Krieg ein, fortan teilen sich ihre Flugzeuge den Himmel mit den britischen: Tagsüber fliegen Amerikaner in B-17-Bombern Präzisionsangriffe gegen Industrie- und Militärziele, nachts attackieren Engländer die Städte. Die Verluste unter den Piloten sind gewaltig - bei manchen Angriffen werden die Hälfte aller Flugzeuge abgeschossen oder schwer beschädigt. Die Alliierten machen dennoch weiter, zunehmend auch, um Josef Stalin zu beruhigen. Der sowjetische Diktator verliert jeden Tag bis zu 10 000 Männer auf den Schlachtfeldern, er verlangt, dass die Westmächte wenigstens aus der Luft eine zweite Front halten.
Die Opferzahlen steigen dramatisch an. 1942 sterben 6800 deutsche Zivilisten unter den Bomben, 1943 sind es über 100 000. Harris besitzt eine eigene Liste; mit den Namen der "100 wichtigsten Städte für den deutschen Kriegseinsatz". Jedes Mal, wenn er glaubt, ein Ort sei endgültig ausgeschaltet, streicht er ihn durch. Andere Ziele hingegen werden gemieden. Obwohl die Alliierten vom Massenmord in Auschwitz wissen, lehnt US-Unterstaatssekretär John McCloy im Frühsommer 1944 ein Bombardement etwa der Gleisanlagen ab - weil ein Angriff auf das KZ nicht dazu beitrage, den Krieg rascher zu beenden. Allein zwischen Mai und Juli 1944 werden in Auschwitz mehr als 400 000 Juden umgebracht - etwa so viele, wie Deutsche im gesamten Bombenkrieg starben.
Nach dem Kriegsende beginnt das Schweigen
Als der Krieg schließlich endete, versuchten die Sieger, den Bombenkrieg aus dem Gedächtnis zu tilgen. Noch bevor die letzten Bomben fielen, distanzierte sich Churchill von seiner Strategie. Zwar schrieb er nach dem Krieg, "wir sollten uns niemals für das entschuldigen, was wir den Deutschen angetan haben". Doch er meinte auch, dass die Zerstörung Dresdens "ernsthafte Fragen über die alliierte Bombenkriegsführung aufwirft" und deren "Terror und die wahllose, wenngleich beeindruckende Zerstörung". Bereits in den letzten Kriegstagen setzte eine "Kampagne des Vergessens" ein (Stephen Garrett).
Churchill versuchte vergeblich, die Untersuchungskommission über den Bombenkrieg zu verhindern. Den Männern des Bomber Command wurde ein Orden für ihren Einsatz verwehrt. Auch Arthur Harris, einer der ranghöchsten Offiziere Seiner Majestät und während des Krieges als Kommandeur eines der wichtigsten Truppenteile gepriesen, musste ohne Ehrung gehen. Bei den Kriegsverbrecherprozessen in Nürnberg sorgten die Alliierten dafür, dass Bombenangriffe nicht zur Sprache kamen. Telford Taylor, einer der amerikanischen Ankläger, erklärte später, er habe den Bombenkrieg ausgeschlossen, weil die deutschen Angriffe im Vergleich zu den alliierten "verblassten".
http://www.geo.de/GEO/kultur_gesellschaft/geschichte/2003_01_interview_sofsky/index.html?linkref=geode_teaser_related&SDSID=57388900000021065941551
GEO: Wird durch die semantische Parallele, Verbrechen hier wie dort, aber nicht doch unwillkürlich eine gefährliche Parallele zur Einzigartigkeit der deutschen Grausamkeiten gezogen?
Sofsky: Nein. Es sind ganz verschiedene Verbrechen. Den strategischen Bombenkrieg gegen Wehrlose, gegen Zivilisten würde ich mit dem Begriff des Kriegsterrors belegen. Er führte zu Massakern, zu Massakern aus der Luft. Das waren Verbrechen innerhalb einer eigentlich legitimen Kriegsführung der Alliierten. Auf deutscher Seite dagegen war der gesamte Krieg, zumindest im Osten, ein Verbrechen, ein Ausrottungsfeldzug. Und der Völkermord an den Juden war noch mehr als ein verbrecherischer Krieg, er war monströser Verfolgungsterror, der Versuch, ein ganzes Volk auszulöschen. Die Briten hatten nicht die Absicht, alle Deutschen auszulöschen, die Deutschen als Volk zu vernichten. Aber um die Moral der Bevölkerung zu zerstören, brachten sie eben Abertausende Zivilisten um.
GEO: Gab oder gibt es in der von Ihnen angesprochenen 'offiziellen Erinnerungskultur' Tabus, auch sprachliche Tabus, die es in der 'informellen Erinnerungskultur' nicht gab oder gibt?
Sofsky: In den Erinnerungssitzungen der Familien, also dort, wo die Eltern und die Großeltern erzählen, wie es damals war, ist die Zerbombung der deutschen Städte nie tabuisiert worden. Man hat davon berichtet, weil es um die eigenen Bekannten, die Angehörigen ging, um die eigenen Wohnungen, die Häuser. In der offiziellen Erinnerungskultur der intellektuellen Eliten dagegen war dies kein besonders beliebtes Thema, weil man ihm Missbrauch unterstellte. Dort ging es darum, das Thema deutscher Schuld durchzusetzen; eine Schuld, aus der sich viele allzu schnell davonstehlen wollten. Diese beiden Kulturen', wenn man das so nennen will, diese beiden Gedächtnisse sind auseinandergefallen; der Elitekultur ist es gelungen, und das ist ihr Verdienst, das verdrängte Thema Auschwitz zu vergesellschaften. Es ist nun wirklich verankert, zumindest in der jüngeren Generation. Und es besteht kein Grund mehr, die beiden Gedächtnisse nicht zusammenzubringen. Die sozusagen ressentimentgeladeneren Erinnerungen an die Bombennächte sollten die Chance haben, ebenfalls in die offizielle Erinnerungskultur aufzusteigen.
GEO: Erlaubt die Debatte um die Legitimität oder Illegitimität von Kriegsstrategien vor 60 Jahren auch irgendeinen Lerneffekt für die Bewertung aktueller Ereignisse? Hat Kriegsführung von damals und heute irgendetwas miteinander zu tun?
Sofsky: Über die Legitimität muss immer im Einzelfall entschieden werden. Aber unabhängig davon kann man natürlich die historische Tradition der angelsächsischen, insbesondere der amerikanischen Kriegsführung beobachten. Sie setzt immer zuerst auf den Luftkrieg. Das war in Vietnam so, das war im Kosovo so, das ist in Afghanistan so und auch im Irak. Man träumt vom Sieg am Himmel und nimmt bei der Zivilbevölkerung extreme Verluste in Kauf. Nur: Ein Krieg wird immer nur am Boden gewonnen oder verloren, nicht in der Luft. Das ist nur die dritte Dimension